Vom Türsteher zum Ausnahme-Musiker mit der Whisky getränkten Stimme: TOM WAITS

Der junge Tom hat in seinem Leben noch nie etwas geschenkt bekommen. Schon früh erkennt er, dass es ein harter Weg wird, um dahin zu kommen wo er hin will. Und der Anfang macht die kleine Küche in der Pizzeria Napoleone’s Pizza, wo er neben der High School schon arbeitet, um sich die alten Jazzplatten aus den 50ern und die Bücher von Jack Kerouac und William S. Burroughs leisten zu können.

Er spült Teller und backt Pizzen. Sein Chef ist zufrieden mit diesem irgendwie doch merkwürdigen jungen Typen und er ist vor allem zufrieden mit seinen Pizzen. Tom improvisiert. Seine Pizzen, die er zu den Klängen des Jazz backt, sind gut. In der Musik und in den Büchern fühlt er sich verstanden – das ist sein Material, das er formt und das ihn zu seiner eigenen Musik bringen soll. Nach der Schule bringt er sich selbst das Klavierspielen bei, auf einem immer verstimmten alten Klavier. Er schreibt seine ersten eigenen Lieder. Andere kann er nicht spielen. Er improvisiert auch hier.

Jazz ist Improvisation. Das Leben ist Improvisation. Es kommt nur drauf an wie gut du dich durch das Leben improvisierst. Darum wirft er auch schon bald darauf Kochschürze und Geschirrhandtuch hin und zieht weiter.

Die nächste Station für den zwanzigjährigen Tom ist San Diego. Hier streift er durch die Straßen, um die Stadt kennen zu lernen. Zwei Wochen lang, den ganzen Tag, beobachtet, betrachtet und bestaunt er was er dort sieht. Macht sich Notizen, trinkt Kaffee in einem Diner, liest und lebt – bis seine Hosentaschen leer sind und sein restliches Geld weder für ein Sandwich noch für einen Kaffee reichen. Er geht auf die Suche nach einem Job. Ein Job in einer Küche, in einer Kneipe, in einer Bar, in einem Club – irgendwas. Er bekommt einen Job in einem Club. Oder besser gesagt, vor einem Club. Er wird Türsteher. Bewacht die Tür des Clubs mit seiner physischen Anwesenheit, geistig ist er in On the Road versunken, den Roman von Jack Kerouac. Tom will auch on the road sein. Abenteuer. Gigs. Liebschaften und Songs schreiben. Aber statt unterwegs zu sein und seine Musik zu spielen, steht er hier vor der Tür des Clubs, verdient läppische 8 Dollar die Nacht und lauscht den Klängen, die aus dem Innern des Clubs heraus wummern, der Bass der gegen die Tür klopft.

Bumm-Bumm-BummBumm-Bumm.

Das könnte er sein, da drin auf der Bühne, dem Publikum seine Geschichten erzählen, seine Lieder singen. Aber er muss draußen bleiben. Hier ist sein Platz. Vor der Tür, angeleint wie ein Hund, Wache halten, während sich sein Herrchen da drinnen vergnügt. 

Auch wenn er nicht im Club arbeitet, ist er so der Musik wenigstens einen Schritt näher gekommen. Er hört den dröhnenden Bass durch die Tür wummern. Zu den Klängen der Instrumente, die nach draußen dringen, nuschelt er seine eigene Songtexte, baut Obszönitäten, Schimpfwörter und Flüche ein. Er summt improvisierte Melodien mit.

Nach Feierabend spürt er jeden Knochen in seinen Beinen, in seinen Füßen, aber er weiß, es ist nur das Intro, der eigentliche Part des Songs, der kommt noch. Daran hält er sich fest. Ein Ziel, du brauchst ein Ziel, schreibt er in sein Notizbuch und das hat er: Er will ein Musiker werden und ein Geschichtenerzähler. Bücher und Musik.

Alles andere ist nichts.

Es sind die Wortfetzen, der Menschen die in den Club kommen oder aus ihm heraus, die er eifrig in sein Notizbuch kritzelt und daraus seine ersten Songtexte macht. „Mann – was die Leute so von sich geben und auf so unterschiedliche Weise. Das hat Rhythmus, Beat, da steckt jede Menge Musik drin.“ Gesprächsfetzen und Geschichten von Liebespaaren, Dealern und Mackern, Besoffenen und Verlassenen, Betrogenen und Geprügelten –  er packt sie alle in seine Songs. Nach Feierabend holen ihn die Kellnerinnen rein, stellen ihm ein kühles Bier auf den Tresen und zahlen ihm seinen Lohn für die Nacht aus. Dann sitzt Tom schüchtern am Tresen, nimmt immer wieder kleine Schlucke von seinem Bier, raucht, sieht sich um, in der Hoffnung, dass noch einer der Musiker hier ist und sich zu ihm setzt. Dicker Rauch hängt unter der niedrigen Decke des Clubs wie riesige graue Wolken. Die Instrumente surren und summen noch, wie nach einem Liebesspiel. Die Scheinwerfer knacken. Die Lautsprecher brummen. Tom macht daraus eine Melodie.

Nach einigen Wochen, als er einer der Kellnerinnen gestanden hat, dass er eigentlich auch Sänger sei, bekommt er seine Chance. Ein Sänger fällt aus. Aber für Tom fühlt es sich anders an, nicht wie eine Chance, eher wie eine Katastrophe. Pein und Panik. Er kommt sich vor wie ein Betrüger, ein Hochstapler – er ist kein Musiker, kein Sänger, er hat ja noch nicht mal irgendwo gesungen. Was, wenn er den Abend gegen die Wand fährt? Was, wenn er versagt? Was, wenn…?  Der Chef des Clubs schiebt den zögernden und unsicheren Tom Waits auf die Bühne und kündigt ihn an, nach dem er Tom noch mal gefragt hat: „Junge, wie is’ dein Name gleich noch mal?“

„Tom, Tom Waits.“

„Ladies and Gentlemen – Tom Watts!“

„Waits!“, nuschelt Tom und schleicht auf die Bühne, als würde er sich durch eine Menschenmasse an einer Bushaltestelle durchkämpfen. Da steht er jetzt endlich auf der Bühne des Clubs, als Sänger und verdient sechs Dollar die Nacht. Als er noch Türsteher war, hat er acht Dollar die Nacht verdient. Schon strange, denkt Tom.

Aber Tom ist on the Road. Es war ein weiter Weg und er wird noch viel weiter sein, als die Strecke, die er zurück gelegt hat. Er wird ihn gehen, mit all seinen Sackgassen, Umwegen und Hindernissen. Ankommen wird er nie, aber darum geh es ihm nicht, er hat ja sein Ziel vor Augen und was wäre ein Ziel, das man schon erreicht hatte?

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