How To Survive Fahrradkurier 

Jan macht irgendwie alles schnell: Er redet schnell, bewegt seinen Kopf schnell von einer in die andere Richtung und er gestikuliert schnell, auch wenn er nur dasteht und sich mit mir unterhält. Wir stehen am Tresen einer Bar und warten darauf, dass uns die Bedienung unser Bier gibt. Sie macht im Gegensatz zu Jan alles langsam: Sie zapft ganz langsam das Bier, als wäre jeder Tropfen aus purem Gold und keiner darf daneben gehen. Sie setzt langsam das Glas ab, dreht sich langsam um die eigene Achse um ein zweites Glas aus dem Regal zu holen – alles sehr langsam. Jan dauert das zu lange und prescht mit einem “Geh’ nur mal schnell uffs Klo!” in Richtung Toilette. Entweder hat ihn der Job als Fahrradkurier so schnell gemacht oder er war vorher schon so schnell in allem was er tut – dann ist es also der perfekte Job für ihn.

Zwei Minuten später. Wir sitzen an einem erhöhten Biertisch und nehmen einen langen Schluck von unserem Bier. Schaum abwischen und erste Frage abfeuern:

Jan, mit wie viel Jahren hast Du Fahrradfahren gelernt?

(überlegt schnell) Ich glaub ich war ziemlich früh, hatte schon früh Stützräder, wollte die Teile aber immer abmontieren. Hab dann meinen Vater so lange genervt, bis er sie mir abgeschraubt hat, ich hab mich drauf gesetzt und bin einfach losgefahren. Weiß nicht wie alt ich war, aber es ging auf jeden Fall schnell.

Wem würdest Du den Job des Fahrradkuriers empfehlen und wem nicht?

Wenn du sowieso gerne Fahrrad fährst, dann passt das, dann kann das ein guter Job für dich sein. Bist du träge, schwerfällig und eher der langsame Typ, lass es sein. Dann such dir einen Büro-Job, so wie diese Typen, denen ich fast jeden Tag ein Päckchen oder einen Umschlag bringe.

Fragst Du dich manchmal was da wohl drin ist?

Nein.

Ich würde es.

Hält nur auf. Fokus und Konzentration ist das wichtigste. Nächste Frage.

Ich sag doch, der Typ ist schnell. Und während ich ihn mustere, kratzt er sich schnell am Kinn, kippt schnell sein Bier und sieht mich ungeduldig an. Das geht ihm alles zu langsam. Da fällt mir auf. Er ist schnell und er ist nett, sachlich, kommt ohne Umschweife

auf den Punkt – aber er lächelt nie. Hat der Typ keinen Humor? Doch, hat er, einen verdammt trockenen:

Was war das schlimmste was dir in deinem Job als Fahrradkurier passiert ist?

Ein LKW hat mich ein paar Meter mitgeschleift. Der Fahrer hat mich nicht gesehen und mir die Vorfahrt genommen. Ich lag praktisch schon fast unter den Rädern. Zwei Rippen gebrochen, Gehirnerschütterung und Prellungen am ganzen Körper. Vier Wochen später saß ich wieder im Sattel.

Vier Wochen? Hattest Du keine Angst, dass dir das noch mal passieren könnte?

Ne. Wenn dir sowas passiert ist, stehen die Chancen schlecht, dass dir sowas noch mal passiert. Ich hab’s quasi hinter mich gebracht.

Der Typ ist echt hart.

Keine Angst vor Autotüren die plötzlich aufgerissen werden?

Ne, das erkenne ich. Dafür habe ich eine Sensor.

Du bist also eine Art Superheld? Die behandle ich übrigens auch in meinem Buch.

Superhelden?

Ja, es gibt diese Typen, die nennen sich Real Life Superheros und helfen alten Menschen über die Straße, retten Katzen von Bäumen und tragen Kostüme.

Verrückt.

Jan schüttelt den Kopf und gibt der Bedienung ein Zeichen für eine nächste Runde. Mein Bier ist noch halb voll.

Was machst Du im Winter?

Fahren.

Kein Problem mit Schnee und vereisten Straßen?

Ne, geht zwar alles langsamer, aber… es geht.

Hast Du eine gute Krankenversicherung?

Meine Krankenversicherung liebt mich. Ich krieg sogar Bonusprogramme und manchmal Geld zurück. Ich bin nie krank. Bin immer an der frischen Luft und treibe ja viel Sport. Ich war seit… bestimmt 6 Jahren nicht mehr krank. Keine Grippe, keine Erkältung, nix.

Krass.

Würde ich in einem Büro sitzen, wäre ich wahrscheinlich wie jeder andere jedes Jahr dreimal krank. Ich hab keine Beschwerden. Mein Körper funktioniert wie eine Maschine und ich bin jetzt immerhin schon 44.

Machst Du den Job bis zur Rente oder willst du irgendwann „umsatteln“?

Erstmal noch ein paar Jahre fahren und vielleicht später meinen eigenen Laden aufmachen und Fahrer einstellen – mal schauen. Wird ja weniger mit den Aufträgen. Viele machen alles eher digital über’s Internet. Und wer weiß, wie das in fünf Jahren aussieht. R: Dann gibt es Kurier-Drohnen.

Ja, vielleicht. Dann ist es vorbei mit dem Job des Fahrradkuriers. Aber ich zahl mein Bier schon selbst. Bin ziemlich durstig. War n’ guter Tag heute. Viele Fahrten.

Ne, das passt schon. Ich stell dir dafür ein paar extra Fragen, dann hab ich die Biere wieder reingeholt.

Und endlich lacht er mal.

Wünscht Du dir nicht manchmal einen Bürojob? So mit Kollegen? Kaffeepause an der Kaffeemaschine? Schwachsinn bequatschen? Intrigen, Gerüchte und lästern und so?

Ne, lieber arbeite ich auf m’ Bau.

In welcher Stadt würdest Du gerne mal als Fahrradkurier arbeiten?

New York. Nach Berlin kommt nicht mehr viel…nur noch New York.

Trägst Du deinen Helm immer?

Ja, ist einfach wichtig. Nach einiger Zeit merkt man das gar nicht mehr. Letzte Woche stand ich mit nem Kumpel in ner Bar. Wir waren schon ungefähr ne halbe Stunde da und haben unser Bierchen getrunken, da fragt er mich: „Willst du nicht mal endlich deinen Helm absetzen?“ Ich hab’s nicht gemerkt, dass ich den noch aufhatte.

Kommt eher schlecht bei den Frauen in den Bars an…

Erstmal vielleicht ja, aber dann denken die sich, der fährt viel Fahrrad, ist also total durchtrainiert…

Bist Du total durchtrainiert?

Mein Körper besteht nur aus Muskeln.

Ziemlich bescheiden…

Ich bin nur ehrlich.

Rote Ampeln?

Ich bin farbenblind…

Echt?

Ne, aber es ist mir egal welche Farben die Ampeln haben, wenn frei ist, fahre ich. Ich weiß was ich tue. Hab dafür zwar schon mal nen Strafzettel kassiert, aber es lohnt sich trotzdem. Ich kann nicht fast eine Minute lang an ner roten Ampel warten, obwohl alles frei ist!

Ich denke ich kenne die Antwort schon, aber ich frage dich trotzdem: Mehr Männer oder Frauen?

Mehr Männer machen den Job. Viel mehr. Ist n’ Knochenjob. Nichts für Mädchen… R: Also sind die Frauen, die den Job machen schon eher Männer?

(lacht) Die meisten, ja.

Jan – vielen Dank für das tolle Gespräch!

Prost!

Er leert sein Bier. Schnell. 

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